Scharnhorst verbrachte seine Kinderjahre am Rande der Lüneburger Heide

 

 

von Claus-Dieter Gelbke, Bordenauer Chronik, 'Scharnhorst'

Sicherlich haben die meisten Leser dieses Artikels schon irgendwann einmal von Scharnhorst, dem preußischen General und Heeresreformer während der Befreiungskriege gegen Napoleon gehört. Ist aber auch allen bekannt, dass Scharnhorst ein „waschechter" Niedersachse war?

Er ist am 12. November 1755 in Bordenau, heute ein Stadtteil von Neustadt am Rübenberge, Landkreis Hannover, der flächenmäßig viertgrößten Stadt Deutschlands, geboren und erhielt bei seiner Taufe die Namen „Gerhard Johann David". In Bordenau steht noch heute Scharnhorsts Geburtshaus, auf dessen Gelände sich sein Denkmal sowie die Begräbnisstätte seiner Angehörigen befinden.

Seine Eltern waren Ernst Wilhelm Scharnhorst, der aus einer Brinksitzerfamilie stammte und es in der kurfürstlich hannoverschen Reiterei bis zum Quartiermeister (Wachtmeister) gebracht hatte, sowie Wilhelmine Tegtmeyer, die Tochter des Besitzers des Gutes Bordenau.

Der kleine Gerhard verbrachte seine ersten Lebensjahre in Bordenau. Nach dem Tode des Gutsherrn Tegtmeyer verließ die Familie Scharnhorst im Oktober 1759 das Dorf und zog nach dem Heidegut Hämelsee bei Eystrup, heute zur Samtgemeinde Heemsen, Landkreis Nienburg/W, gehörend.

Der Laubwald begann sein Blätterkleid zu färben, als die junge Familie mit den beiden Kindern Wilhelmine (geb. 1752) und Gerhard mit etwas Inventar und bescheidenem Hausrat im Waldgebiet zwischen Eystruper- und Hasseler-Bruch eintraf.

Das Rittergut Hämelsee wurde schon 1345 urkundlich erwähnt. Es war das Vorwerk der Andertenburg, die 2 km südöstlich des Sees lag. Im Jahre 1695 war es durch Zuweisung eines großen Landstückes aus der Hämelheide erweitert worden und hatte alsbald (1703) die Gerechtsame eines landtagsfähigen Rittergutes erhalten. Damals war das Pachtgut im Besitz der im Hoyaschen reich begüterten Familie von dem Bussche-Münch. Später kam es durch Erbfolge an die Familie von dem Bussche-Ippenburg.

Das Gut wurde von der Familie Scharnhorst bis August 1765 bewirtschaftet, als durch ein Feuer Haus- und Wirtschaftsgebäude vernichtet wurden und sie fast ihr gesamtes Hab und Gut verlor.

Während seines Aufenthaltes auf Gut Hämelsee besuchte Gerhard ab seinem 7. Lebensjahr die alte Kirchenschule im benachbarten Anderten, wo der tüchtige Lehrer Sibonus wirkte. In der unterrichtsfreien Zeit hatte Gerhard das Vieh zu hüten, leichtere Arbeiten auf dem Hof zu verrichten und Botengänge zu übernehmen. Von einem Jugendfreund Scharnhorsts wird das Leben auf Gut Hämelsee wie folgt beschrieben. "„Angestrengte Tätigkeit hielt die Glieder des Haushalts beim alten Scharnhorst stets eng zusammen; Arbeit, Unterhaltung, Genüsse, alles war gemeinsam; der Hausvater gebot unumschränkt, duldete keinen Widerspruch innerhalb der Wirtschaft, litt dagegen kein Heimlichtun und ebensowenig das Kehren anderer vor seiner wie der Seinen vor anderer Tür. Dies war Hauptgesetz und musste unverbrüchlich gehalten werden. Daher des Sohnes offenes Gemüt, kindliche Sanftmut und Einfachheit der Lebensweise: Tugenden, die keiner, der ihn kannte, jemals vermißt haben wird".

Im November 1760 wurde das dritte Kind der Familie geboren: Wilhelm Scharnhorst, der spätere „Fähnrich" und Hoffischer in Hannover. Im Juni 1763 erblickte das vierte Kind des Pächters Scharnhorst ebenfalls in Hämelsee das Licht der Welt; es war Friedrich, der spätere Verwalter des Gutes Bordenau.

Hämelsee ist durch Scharnhorst bekannt und berühmt geworden. Einige Historiker haben in früheren Zeiten Hämelsee sogar zum Scharnhorst-Geburtsort gemacht. Im Jahre 1885 wurde Scharnhorst hier ein Denkmal gesetzt, das erst später von einer Stelle näher dem See auf den Hof umgesetzt wurde. Hierüber existiert eine gerahmte Urkunde des damaligen Gutsbesitzers mit folgendem Wortlaut:

„Erinnerungstafel – Seine Königliche Hoheit Ernst August, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, Herzog v. Cumberland, stiftete anlässlich der von der Gutsherrschaft unter Mitwirkung des Museumsvereins Nienburg bewirkten Wiederherstellung und Versetzung des Scharnhorst-Denkmals aus höchsteigener Entschließung in hochherzigster Gesinnung „zur Ehrung des Andenkens an den großen preußischen General Hannoverscher Abstammung v. Scharnhorst" eine stylvolle eiserne Gitteranlage für das Denkmal. Hämelsee, Herbst 1908. Eberh. Frhe. v. d. Bussche-Ippenburg. Fideikomiss-Besitzer"

Bei dem Denkmal handelt es sich um einen ca. 120 cm hohen Sandstein-Obelisken, welcher unter einem ausladenden Gesims in einen Quader mit rechteckigen Seitenfeldern übergeht. Eine Seite des Obelisken und zwei der Felder tragen eine eingemeißelte Beschriftung. Aufgestellt ist das Denkmal auf zwei abgetreppten dicken quadratischen Sandsteinplatten. Die Beschriftung lautet:

„Dem Andenken Scharnhorst-Errichtet 1885" und auf der Gegenseite „Auf diesem Hofe verbrachte Gerhard von Scharnhorst (geb. 12.11.1755 zu Bordenau gest. als preuß. General d. 28.6.1813 zu Prag in Folge der bei Groß Görschen erlitt. Verwundung) die Jahre von 1759 – 1765".

Bei der Besetzung des Gutes im Frühjahr 1945 erwiesen alliierte Soldaten dem Denkmal militärische Ehre.

Nachdem die Familie Scharnhorst durch den Großbrand auf Hämelsee fast alles verloren hatte, zog sie im Herbst 1765 weiter nach Bothmer bei Schwarmstedt, wo sie von der Gutsbesitzerfamilie von Bothmer wiederum einen Hof pachtete. Das Haus, in dem die Familie gewohnt hat, steht heute noch und ist größtenteils unverändert geblieben.

Gerhard besuchte in Bothmer die Dorfschule, die damals noch als sogen. Reiheschule gehalten wurde. Über die Unzulänglichkeiten der dörflichen Schulmeister hat Gerhard später oft geklagt. So hat er in fast keinem Schulfach mangels geeigneter Lehrkräfte durchgehend Unterricht gehabt. Infolgedessen wies er später große Bildungs- und Wissenslücken auf.

In Bothmer hatte die Familie Scharnhorst einen Todesfall zu beklagen. Gerhards dort im Januar 1768 geborener Bruder Johann Heinrich verstarb bereits wieder im Jahre 1771. Im November 1770 kam in Bothmer ein weiterer Bruder, namens Heinrich, zur Welt. Er war später Major in Hessischen Diensten.

Als Vater Scharnhorst nach 10jährigen Erbstreitigkeiten vom Oberappellationsgericht in Celle das Erbe des Rittergutes Bordenau zugesprochen worden war, zog die Familie Scharnhorst 1772 wieder nach Bordenau zurück und nahm das Gut in Besitz. Gerhard, der im Alter von knapp 4 Jahren Bordenau verlassen hatte, war damit als beinahe 16jähriger wieder an seinen Geburtsort zurückgekehrt.

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