Petanque/Wandern


TRAININGSSTUNDE  - ein Artikel der HAZ vom 25.10.01   


Nach der Trainingsstunde neulich beim Faustball heißt es, der Wahrheit ins Auge zu sehen und Konsequenzen zu ziehen. Die Wahrheit: wir sind nicht mehr 23 und werden es uns auf Dauer nicht mehr leisten können, Trainingsstunden mit zwei ausgerenkten Halswirbeln und sechs  Krankengymnastik-Terminen zu bezahlen. Die Konsequenz: wir machen mit Sportarten, bei denen man quer durch die Luft fliegen muss und der Arm am Ende weh tut, als hätte jemand mit dem Amboss draufgeschlagen, eine Pause und lassen es etwas gemütlicher angehen. Also: auf zum Petanque (auch bekannt als Boule) beim TSV Bordenau. Und um es vorweg zu nehmen: es hat richtig Spaß gemacht. Und unser Krankengymnast bekommt ein bisschen mehr Freizeit.  

Für den Fall, dass nicht jeder auf Anhieb etwas mit Petanque anfangen kann, ist eine kurze Erklärung vielleicht sinnvoll. Es geht darum, eine 650 bis 800 Gramm schwere Kugel aus einem Kreis heraus möglichst nahe an eine Zielkugel, von den Spielern "Schweinchen" genannt, zu werfen. Petanque - in Frankreich nicht nur Sport und Freizeitvergnügen, sondern auch ein Stück Lebenskultur - kann auf beliebigen Untergrund gespielt werden,  wobei Rasen und Asphalt aus verständlichen Gründen weniger beliebt sind. Auf Rasen rollt die  Kugel kaum, auf Asphalt rollt sid dafür um so schneller und unberechenbarer.

Beim TSV Bordenau haben sie mit viel Mühe und Eigenarbeit direkt neben dem Trainingsplatz der Fußballer zwei Petanque-Plätze gebaut - mit einem Belag, wie er für Rad- oder Parkwege benutzt wird. Für Petanque-Spieler ist diese Splittmischung in etwa das, was der "Wembley-Rasen" für die Kicker ist. Manchmal kommt es  freilich zu Irritationen. Als Renate Kloster, Geschäftsführerin des TSV, neulich Leute durch Bordenau führte und ihnen die Petanque-Anlage zeigte, fragten diese:"Und was machen diese Parkplätze hier?" Auch mit dem Begriff Petanque kann nicht jeder etwas angefangen. "Ich weiß heute noch nicht, wie man das schreibt", sagt Werner Scholz, ein Rentner, der es genießt, dass "ich bei diesem Sport nicht mit einer Rückennummer auf dem Hemd durch die Gegend laufen muss". Doch warum heißt Petanque nun Petanque? Ein kurzer Vortrag von Erich Braun, Spieler, Trainer und Vorsitzender des Kreisverbandes, löst auch das letzte Rätsel. Petanque, das kommt von "ped tanco", heißt übersetzt "fester Fuß" und weist auf die wichtigste Regel des Spiels hin: Beim Wurf müssen die Füße im Kreis fest auf dem Boden bleiben, bis die Kugel ihrerseits den Boden berührt. Doch damit genug der Theorie, hinein in die Praxis, und da hat sich Erich Braun, ein sympathischer Mensch, den das Petanque-Fieber gepackt hat, etwas ausgedacht.  

Auf uns wartet ein Trainingskurs mit mehreren Stationen. Gleich die erste Aufgabe stellt uns vor eine große Herausforderung. Vor dem Ziel, dem  berühmten "Schweinchen", hat sich die Kugel unseres Gegenspielers derart gut platziert, dass es nur eine Chance gibt: die Kugel muss da weg - aus sieben Metern Entfernung alles andere als ein Kinderspiel. Von zehn Versuchen gelingt uns dieses Kunststück einmal, die Petanque-Leidenschaft wächst. "Wer das Spiel lieben gelernt hat, den lässt es nicht mehr los", sagt Braun. Uns geht es ähnlich, auch wenn die  Liebe an diesem Trainingstag sehr einseitig bleibt, weil die Kugel selten das macht, was wir wollen. Zum Beispiel an der Station, an der wir sie an zwei Dosen als Hindernis vorbei Richtung "Schweinchen" platzieren müssen. Oder als es darum geht, sie - fast wie beim Golf - in eine kleine Dose zu versenken, die Braun extra für den Parcours eingebuddelt hat. Unser Vorschlag, beim nächsten Mal keine Dose, sondern einen Eimer zu verwenden, stößt auch bei den  Bordenauer "Profis" auf Zuspruch.

Die anderthalb Trainingsstunden vergehen wie im Fluge. Petanque macht Spaß, lässt sich bis ins hohe Alter spielen, eine "Altherrensportart" ist es dennoch nicht. Ballgefühl, Taktik und Wurfpräzision fordern schnell den Ehrgeiz heraus. Und bei welcher Sportart kann man sonst ungestraft die Sau (das Schweinchen) rauslassen?  

 

Text mit freundlicher Genehmigung der HAZ-Sportredaktion. Herzlichen Dank!

So sehen sie aus... 
die Kugeln die die Welt bedeuten.
HAZ-Redakteur Heiko Rehberg bekommt Nachhilfe von Ulli Kemmler und Erich Braun

Fotos: Becker (3) mit frdl. Genehmigung der HAZ 
 
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