|
Arbeitskreis "Unser Dorf liest"Kolumnen - Archiv 2025 |
|
Hochverehrte Leserschaft!
Machen wir es kurz, denn Sie haben genug gelesen. Wir sagen Danke für Ihre unbegreifliche Treue in unsere kleine literarische Kolumne, die die Neustädter Zeitung so sorgfältig pflegt. Bleiben Sie stark, genießen Sie die vielen Büchergeschenke zu Weihnachten. Wir wünschen ein gutes neues Jahr. Und lesen Sie bitte weiter!
Achtung: Weihnacht naht!
Kurz vor dem Fest sind die Pakete verschickt, der Baum geschmückt, jetzt gilt es, sich um die Inhalte zu kümmern....
Das Fest selbst, ohje, die Geburt des Christuskindes. Was machen wir denn da? Da gehen wir einfach für zwei Euro zu einer besonderen Lesung mit gregorianischer Musik ins Café im Ackerbürgerhaus, und zwar am Montag, dem 22. Dezember um 17.00 Uhr:
„Der Großinquisitor - Eine Phantasie“ aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski. Iwan Karamasow erzählt seinem Bruder Aljoscha diese Geschichte: Jesus erscheint im Sevilla des 16. Jahrhunderts, wo gerade die Inquisition stattfindet. Das Volk erkennt Jesus, der wieder Wunder vollbringt, und ebenso der greise Kardinal-Großinquisitor, der ihn im Kerker festsetzen lässt.
In der Nacht tritt der Großinquisitor in das Verlies und beschuldigt Jesus in einem langen Monolog, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurückzukommen und „die Ordnung zu stören“, welche die römisch-katholische Kirche in über tausend Jahren errichtet habe.
Nach der Lesung – mit Gerhard Biederbeck und Martin Drebs - blickt man intensiver auf das kommende Fest. Um es mit Worten Dostojewskis zu sagen: „Wenn man den Glauben an Christus mit den Zielen dieser Welt vereint, dann verliert man den ganzen Sinn des Christentums."
Nur ein Weniges noch!
Und wir werden die Bäume leuchten sehn
Nur ein paar Tage noch
Und der Marmor wird wieder weiß bedeckt sein
Wir könnten wieder einen neuen Anfang spüren
Nur ein Weniges noch
Und das Jahr rundete sich.
Da machste ganz schön was mit!
Also, das war schon eine heftige Tortur, als die mich da aus dem Museum in Güstrow abgeholt haben. Meine Chefin hatte einer Ausleihe zugestimmt, und so musste ich koppheister in den Kleinwagen, auch noch elektrisch, und dann noch viele Stunden Fahrt nach Bordenau, erst noch ein Foto für die Neustädter Zeitung, obwohl ich ja nicht der echte bin. Ein paar Tage stand ich zwar versichert, aber ohne Aufsicht noch rum, bis es endlich losging, und ich auf der Bühne mitten unter all den anderen Künstlern saß. Immerhin hat mir der eine oder andere auch mal beruhigend die Hand auf die Schulter gelegt. Das hat gutgetan. Und dann war es doch sehr erfolgreich, viele wollten ein Foto mit mir drauf. Leider wieder die Tour zurück, diesmal mit dem Komiker alleine im Auto, und er versuchte wieder vergeblich, mit mir ins Gespräch zu kommen.
Aber jetzt kommt´s! Ich komme wieder, und zwar in meiner größten Rolle. Auf nach
Sansibar oder zum letzten Grund! Der Roman von Alfred Andersch wurde nämlich 1987 von
Bernhard Wicki kongenial verfilmt, und da durfte ich in zentraler Rolle mitspielen. Jetzt zeigt das
Cinema Neustadt den Film am Mittwoch, dem 3. Dezember, ab 19.30 Uhr im Veranstaltungszentrum.
Und vielleicht sitze ich auch in der letzten Reihe bei euch. Wir sehen uns! Euer lesender Klosterschüler, gestaltet von Ernst Barlach, also als Nachbildung für den Film.
Wenn schon nicht für immer, dann wenigstens auf ewig!
So heißt ein Album der Singersongwriterin Ulla Meinecke (->
Wikipedia). Und wir schweben zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Immer hat es die Menschen fasziniert, so etwas wie eine Ewigkeit zu denken! Zahlreiche Buchtitel zeugen davon:
„Das Land der süßen Ewigkeit“ von Harper Lee,
„Auf der Suche nach der Ewigkeit“ von Martin Heyden,
„Ein Kuss für die Ewigkeit“ von Sandra Brown,
„Hunde, wollt ihr ewig leben?“ von Fritz Wöss.
Was ist das eigentlich für ein Wort? Ewig! Der Duden verweist auf seine Herkunft:
mittelhochdeutsch ēwic, althochdeutsch ēwig, zu: ēwa = Ewigkeit, und bittet zum Vergleich mit „Ehe“. Dann sind auch die Bedeutungen verständlicher:
zeitlich unendlich; unvergänglich, zeitlos, zum Beispiel „das ewige Leben“; oder
die Zeiten, den Wechsel überdauernd, immerwährend, immer bestehend, zum Beispiel „für immer und ewig“; oder
sich immer wiederholend; endlos, übermäßig lang dauernd, nicht endend zum Beispiel „ewig und drei Tage“.
Es bleibt faszinierend, sich zum Beispiel so etwas wie „das ewige Leben“ vorzustellen.
Auch diese Kolumne könnte ewig dauern; zumindest jenen kleinen Augenblick, in dem Sie dies hier gelesen haben! Dankeschön! Und lesen Sie weiter!
Ach übrigens, dieses Wort gehört zum Wortschatz des Goethe-Sprach-Zertifikats B1.
HERBSTZEIT!
Barbara Weißköppel aus Kleinheidorn schickt uns mal wieder ein Gedicht in ihrer typischen „Großbuchstabenschreibweise“. Nebenbei gratulieren wir zum 91. Geburtstag.
„DURCHSICHTIG WIRD
DIE WELT, EHE
ES DEM WINTER
GEFÄLLT, SIE MIT
STURM, WIND UND
REGEN
IN SCHLAF ZU
SINGEN, ZU WIEGEN,
SIE SANFT IN
NEBEL ZU HÜLLEN,
MIT SCHNEE ZU
BEDECKEN, UM
SIE IM FRÜHLING
MIT VOGELGESANG UND
BIENENGESUMM
WIEDER INS
LEBEN ZU WECKEN.“
Storm kann mehr als neblig!
Theodor Storm war einer der bedeutendsten
deutschen Schriftsteller seiner Zeit; besonders beliebt sind seine
stimmungsvollen herbstlichen Gedichte. Doch Storm kann auch anders, vor
allem in seinen Jugendjahren. Das erste überlieferte Gedicht Storms datiert
vom 1. Juli 1833. Die Überschrift: „An Emma“. Es war seine Jugendfreundin,
die von der Insel Föhr auf Besuch war. Sie waren verliebt ineinander und
hatten sich mehrfach heimlich hinter der Küchentür geküsst. Er schreibt:
„Junge Liebe. Ihr Aug ist blau, nachtbraun ihr lockicht Haar, ein
Schelmenmund, wie jemals einer war, ein launisch Kind; doch all ihr
Widerstreben bezwingt ihr Herz, das mir so ganz ergeben. Schon lange sitzt
sie vor mir, träumerisch mit ihren Beinchen baumelnd, auf dem Tisch. Nun
springt sie auf; an meines Stuhles Lehne hängt sie sich, schmollend ob der
stummen Szene. „Ich liebe dich!“ - „Du bist sehr interessant!“ – „Ach, das
ist längst bekannt! Ich liebe Geschichten, neu und nicht erfunden – erzählst
du nicht, ich bin im Nu verschwunden.“ …“ Weiteres Biographisches mit
nordischen Häppchen und einem Gläschen „Küsten Nebel“ bei der Herbstlesung:
Theodor Storm (1817-1888) am Montag, 10. November 2025 um 14.45 Uhr in der
Dorfwerkstatt Bordenau, Birkenweg 3a. Es lesen Johanna Korte, Ulla
Domke und Werner Schmidt zu sanfter Musik auf dem ‚Handpan‘ durch Andrea Korte.
Eintritt frei, Anmeldung erbeten.
Wir lesen auch Historikerbücher!
Immerhin war der erste deutsche Literaturnobelpreisträger mit Theodor Mommsen ein Historiker. Auch Bordenau schätzt seinen Dorfchronisten
Dr. Werner Besier. Und jetzt Karl Schlögel als Preisträger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2025 - "als Wissenschaftler und Flaneur, als Archäologe der Moderne, als Seismograf gesellschaftlicher Veränderungen" im Osten Europas, wie es in der Preisurkunde heißt. Zum Beispiel sein 1984 erschienenes Buch: „Moskau lesen“.
Die Medien stürzen sich bei dem Osteuropaexperten jetzt besonders auf seine Putin-Kritik: Es gäbe mehr Russlandversteher als Russlandkenner, und manche halten den jetzigen Ukrainekrieg für die Fortsetzung des großen vaterländischen Krieges seinerzeit. Dabei stellt sich Schlögel gegen alle autokratischen Regimes diesseits und jenseits des Atlantiks, erinnert auch an die Kriege in Nahost und Sudan. Doch sein eigentliches Ziel sei es, „über Staatsgrenzen hinwegzuschauen, festgefahrene Vorurteile aufzulösen, sich dem Unwissen entgegenzustellen“, so die ukrainisch- deutsche Schriftstellerin und Lobrednerin Katja Petrowskaja.
Auf der Homepage des Börsenvereins heißt es dazu weiter: „Das tue er durch Reisen, mit akribischen Archivarbeiten und durch direkte Begegnungen mit Menschen. Sie spricht über Schlögels Erfahrungsbereitschaft, seine „Fähigkeit zu beobachten und die Welt mit allen Poren aufzusaugen“. Thematisch habe Schlögel sein Leben der Erforschung des mittleren und östlichen Europas gewidmet. Dabei habe er große Bücher verfasst, die „wie Symphonien aufgebaut seien, mit einer sich fortbewegenden sogartigen Intonation.“ Als Mensch sei er für sie und für viele andere Ukrainer „zu einer Stütze, zum Inbegriff von Standhaftigkeit, jenseits der ideologischen Fallen“ geworden.“
Und sie sprach einen versöhnenden Satz über die russische Bevölkerung, die mit ihrer Warmherzigkeit vielen deutschen Kriegsgefangenen geholfen hat. Und das weiß auch der Verfasser dieser Zeilen; mein Vater verkaufte in georgischer Kriegsgefangenschaft selbstgebaute Kreisel, und die Menschen versorgten ihn mit Brot!
Schauen Sie bitte die Preisverleihung in der Paulskirche nochmal in der Mediathek an und bilden sich ihr eigenes Urteil.
Wir lesen jedenfalls weiter: Karl Schlögel „Auf der Sandbank der Zeit!
Lass es Träume regnen!
Das Singersongwriter-Duo mit der Neustädterin Catherina Eggers und mit dem Neu-Neustädter Klaus Peter Nies ist seit vielen Monaten im Neustädter Land mit „Klangwindpoesie“ unterwegs. Jetzt schlagen sie ihre Lieder zur Gitarre am Goldenen Sonntag, 19.Oktober, ab circa 13.00 Uhr am Markt auf.
„Ich wünschte, es würde Träume regnen
Was wäre, wenn du nicht mehr träumen könntest?
Stell dir vor, alles wär leer und kalt.
Ein Meer aus Tränen füllt das Herz in jeder Nacht
Stell dir vor, der Regen kommt bald
Ich wünschte, es würde Träume regnen.
Ströme aus Licht ergießen sich über mein Dach
Lebendige Schatten tanzen auf meinem Meer
Trommeln aus Wasser geben den Takt
Stell dir vor, es würde Träume regnen
Im Strom der Erinnerung füllt sich mein Glas
Lebendige Schatten tauchen ein ins satte Grün
Stell dir vor, der Regen kommt bald
Wie fühlt es sich an, wenn du Träume lebst?
Ich wünschte, es regnet bald
Ruhiger Takt, sanfte Träume aus Staub
Ein Hauch von Frieden, ich atme tief ein
Ein Sonnenstrahl bricht im Tropfen des Glücks
Farbenspiele aus Hoffnung, wärmendes Licht
Ich wünschte, es würde wieder Träume regnen
Ein Farbenspiel der Hoffnung umgibt mein Dach
Geborgen und mutig schlägt mein Herz im ruhigen Takt.
Ich wünschte, es würde wieder Träume regnen.“
Mieter wollen immer größere Haustiere!
Maryna Bryzhko aus Neustadt schreibt an ihren Vermieter!
„Ich wende mich heute mit einer etwas ungewöhnlichen Bitte an Sie. Ab Mitte Oktober möchte ich ein Haustier halten, und zwar ein Nilpferd. Damit mein neuer Mitbewohner sich wohlfühlt, sind ein paar Veränderungen in meiner Wohnung notwendig.
Zuerst brauche ich mehr Platz. Ich schlage daher vor, meine Wohnung mit der Nachbarwohnung zu verbinden. Die Nachbarn können gerne ausziehen. Ein Nilpferd ist nicht nur groß, sondern auch ziemlich laut, wenn es durch die Zimmer stampft. Außerdem wünsche ich mir ein Schwimmbecken im Wohnzimmer, damit mein Nilpferd regelmäßig baden kann. Auf der Terrasse und dem Balkon sollte viel Grün wachsen, denn mein Haustier liebt frisches Gras, Gemüse und süße Früchte. Die Wände der Wohnung möchte ich in natürlichen Farben streichen lassen, damit es wie eine afrikanische Savanne wirkt.
Sehr wichtig ist auch die richtige Temperatur. Bitte stellen Sie die Heizung so ein, dass es immer angenehm warm bleibt. Mein Nilpferd friert leicht und ist nur in tropischem Klima glücklich.
Zur Unterhaltung sollte ein Lautsprecher installiert werden, über den mein Nilpferd abends Mozart hören kann. Außerdem liebt es auch, mit dem Gartenschlauch geduscht zu werden. Vielleicht können wir das Badezimmer entsprechend umbauen.
Ich hoffe, Sie haben Verständnis für meine besondere Situation und können meine Wünsche in den Mietvertrag aufnehmen.
Mit freundlichen Grüßen“
Verfrühte Auslieferung – verspätete Nation!
Ja, was ist denn da los? Die Neustädter Zeitung wird schon am Donnerstag ausgeliefert! Ach so, Freitag ist Feiertag. Was denn für ein Feiertag? Der Tag der deutschen Einheit. Na, dann hier zur Erinnerung die die dritte Strophe der Deutschlandhymne:
„Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben, brüderlich mit Herz und Hand!“
Anmerkungen der Redaktion:
Die dritte Strophe des Deutschlandlieds wird gesungen, weil der Text der ersten beiden Strophen, die von nationaler Überlegenheit sprechen, während des Nationalsozialismus missbraucht und daher heute als verpönt gilt. Die dritte Strophe hingegen drückt den Wunsch nach Einheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit aus, was sie zu einer geeigneteren Wahl für die Nationalhymne der modernen Bundesrepublik Deutschland macht. Diese Entscheidung wurde 1952 von Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler Konrad Adenauer und später 1991 von den damaligen Spitzenpolitikern Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl bestätigt.
„Die verspätete Nation“ (Untertitel: „Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes“)
(->
Wikipedia) lautet der Titel eines zentralen Werkes des Philosophen und Soziologen
Helmut Plessner (1892-1985) (->
Wikipedia). Im Jahr 1935 erstmals in der Schweiz erschienen, wurde es 1959 in der Bundesrepublik veröffentlicht. Danach hat sich die deutsche Nation im Vergleich zu den anderen erst spät gebildet quasi „verspätet“.
Barlach und Bordenau – Arm in Arm!
Vor 25 Jahren erschien hier an dieser Stelle in der Mittwochsausgabe der
Neustädter Zeitung vom 4.10.2000 eine Theaterkritik unserer großen
FAUST-Lesung vom 3.10.2000. 15 Stunden dauerte diese an dem Dienstagabend davor bis 22 Uhr, also circa zehn Stunden vor dem Erscheinen der Zeitung. Wie war das möglich?
Hatte die Neustädter Zeitung ihr Erscheinen hinausgezögert und nachts den Artikel fertiggemacht? – Nein! Einige Wochen vor der Aufführung hatte der Projektleiter,
Martin Drebs, es gewagt, eine Art „Theaterkritik“ zu schreiben, die die Ungeheuerlichkeit des Unternehmens noch überhöhen sollte. Ein gewisser Marzel Reisch-Ranitzi gab sein fiktives Pseudonym dazu. Dokumentiert ist diese gefälschte Autofiktion auf
Bordenau.de unter Kolumnen am 4.10.2000.
Das haben wir diesmal nicht nötig für unsere Lesung am 3.10.2025. Die Presse ist geladen und hat genug Zeit, sich ein eigenes Bild davon zu machen. Denn wie könnten die Überschriften lauten? Barlach und Bordenau – Arm in Arm! "Lesender Klosterschüler" hilft weltoffenen Vorlesern zu erfolgreichem Lesemarathon. Gut für die Kondition, dass Andreas Hagemann wieder die passende Musik dazu macht!
Nu benimm dich voll daneben oder der Anti-Knigge von Neustadt!
Das Dedekind-Jahr ist noch nicht vorbei. Gemeint ist
Friedrich Dedekind, der vor 500 Jahren in Neustadt am Rübenberge geboren wurde und europäische Berühmtheit mit seinem moralsatirischen Werk „Grobianus“ erlangte. Es handelt sich gewissermaßen um einen „umgedrehten Knigge“: In 2400 humorvollen Versen wird eine umfassende Anleitung gegeben, wie man sich in puncto Tischsitten, Hygiene und Umgangsformen von früh bis spät danebenbenimmt – um die Leser vom Gegenteil zu überzeugen.
Die Neustädter Lehrerin Sabine Lorenz hat sich gefragt, wie müsste ein heutiger „Daneben-Benimm-Ratgeber“ aussehen. „Eine groteske, satirische Überzeichnung der Umgangsformen des 21. Jahrhunderts? In altmodischen Knittelversen? So zum Beispiel zum Thema „Handy“, das ja nur scheinbar für die Verbindung von Menschen sorgt… - Wir alle haben Bilder von Menschen vor Augen, die nichts anderes mehr sehen als ihr Handy, ob sie nun den Kinderwagen schieben oder im Bus oder beim Essen sitzen.
In Bus oder Bahn
Schau niemanden an,
nimm gleich dein Handy vors Gesicht
scher dich um die anderen nicht.
Konzentrier dich allein aufs Telefonieren,
brüll in den Hörer, als sprächest du mit Stieren.
Hauptsache, ein jeder hört mit
Was du erzählst für einen Shit.
Und: Sitzt du am Tisch mit anderen zum Essen,
darfst du dein Handy nicht vergessen.
Denn spricht dich jemand an, will wissen,
ob’s dir schmeckt,
so sag: das Netz hier ist beschissen.“
Neues aus Sansibar!
Wir reisen mit unserer Lesung am 3.10. ab 15 Uhr im DGH zu Alfred Anderschs
„Sansibar oder der letzte Grund“; das wissen Sie ja schon. Aber es tut sich was rund um die Lesung. Im Zentrum des Romans steht die Skulptur „Der lesende Klosterschüler“ von Ernst Barlach. Jetzt hat das Museum der Ernst Barlach Stiftung in Güstrow zugesagt, uns die Skulptur als Modell für die Lesung zu leihen. Er wird also mittendrin sein. Und:
Das Cinema Neustadt zeigt am Mittwoch, dem 3.Dezember, die kongeniale Verfilmung von Bernhard Wicki von 1987! Das ist natürlich die richtige Reihenfolge: erst selbst lesen beziehungsweise vorgelesen bekommen, sich eigene, innere Bilder von den Helden machen. Und dann erst ins Kino! Und:
An dieser Stelle unserer literarischen Kolumne suchten wir vor Wochen nach einem jungen Menschen, der uns die Figur des Schiffsjungen vorstellen könnte. Jetzt haben wir sie gefunden, die theatererfahrene Pädagogin Bahar Kruse, die selbst sagt, die Rolle sei ihr wie auf den Leib geschrieben, auch sie liebe den Freiheitsdrang. Und:
Nach seinem erfolgreichen Konzert im Kloster Chorin kann sich Musiker Andreas Hagemann weiter auf Sansibar konzentrieren. Auch er hat geplant, den Freiheitswillen des Jungen musikalisch auszudrücken mit „Übers Meer“ von Rio Reiser. Die anderen Protagonisten werden wohl ebenfalls leitmotivisch unterstützt.
Dazu kommt eine gehörige Portion zeitgenössischer Lieder der Dreißiger Jahre. „Davon geht die Welt nicht unter!“
Also auf nach Sansibar. Wo liegt das? An der Leine in Bordenau!
Lyrische Wasser!
Ulrike Ostermann, ehemalige Gästeführerin Neustadts, hat schon im letzten Jahr ein außergewöhnliches Buch herausgebracht:
„Neustadt am Rübenberge – Ein lyrischer Stadtspaziergang.“ Dafür hat sie selbst besondere Punkte in der Stadt eindrucksvoll fotografiert und dazu mit ihrem großen Wissen auch eigene lyrische Gedichte getextet: Von der Liebfrauenkirche über das Löwentor zum Wasserfall. Und dieser Fluss verbindet auch unser Bordenau mit diesem Büchlein:
„Die Leine, es ist allseits bekannt,
schlängelt durch das Neustädter Land.
Es rauscht das Wasser in der Leine,
strömt tosend hinab über zahlreiche Steine.
Die Schifffahrt hatte es einstmals schwer,
und so fahren Schiffe schon lang nicht mehr
im Handelsverkehr hier auf dem Fluss.
Doch bietet ´ne Flussfahrt trotzdem Genuss,
so paddelt manch Kanute vergnügt,
bis in den Mühlenkanal er abbiegt,
dabei genießt er auf seiner Tour
dahingleitend Stille und Natur.“
Da hat er aber die vielen schönen Stellen, wo Leine und Bordenau sich berühren, längst passiert.
Aufmerksamkeit ist alles!
Ich bringe den Müll weg. Im Vorgarten strahlen
mich die gelben Blumen an. Eine nickt mir freundlich zu, und ich erwidere
den Gruß mit einem Lächeln. Daraufhin beginnt eine andere Blume ebenfalls
leicht im Wind zu wackeln und verfängt sich in meinem Blick, auch sie grüße
ich formvollendet. Aufmerksamkeit ist eben entscheidend. Und wer möchte sie
nicht gerne immer? Da wundert es doch einen normalen Leser, wie in der
Bücherbranche plötzlich so manche Autoren ganz vorne sind und stark beworben
werden: Verlegerische Marketing-Meister-Leistungen! Irgendein besonderes
Jubiläumsjahr finden sie immer. Letzte Woche vor 70 Jahren ist der
Schriftsteller Thomas Mann gestorben; kennen Sie vielleicht. Also gut,
machen wir ein Thomas-Mann-Jahr daraus und verscherbeln nochmal
gewinnbringend die „Buddenbrooks“, den „Zauberberg“ und die „Bekenntnisse
des Felix Krull“. Denn nach 70 Jahren endet das sogenannte Urheberrecht am
geistigen Eigentum, danach wird das ganze Werk gemeinfrei, dann kann das es
ohne Einschränkungen genutzt, vervielfältigt, verbreitet oder verändert
werden. Bis dahin verdienen aber die Erben noch tüchtig; eine gute Sache,
das mit dem geistigen Eigentum, eine kulturell patente, dem bürgerlichen
Erbrecht geschuldete Regelung von 1902! Darunter fällt nicht diese fast
dreißigjährige Kolumne, immerhin jede Woche ein
kulturell-literarisches Fenster, um solche Texte zu platzieren. Dankeschön!
Apropos Aufmerksamkeit: „Bordenau liest“ am 3. Oktober ab 15 Uhr im DGH
„Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch, im deutschsprachigen
Raum - laut dem Diogenes Verlag die einzige Lesung dieses Romans überhaupt
in diesem Jahr. Aber davon wissen die vielen gelben Blumen im Vorgarten
nichts! Aber Sie jetzt!
Empfindsamer Scharnhorst!
Das Scharnhorstkomitee Bordenau veranstaltet am Sonntag, dem 24. August, ab 14 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus eine musikalisch-literarische Feierstunde zu Gerhard von Scharnhorst 270. Geburtstag. Annegret Scholz und Martin Drebs von
„Bordenau liest“ werden unter anderem aus Scharnhorstbriefen an seine Frau und seine Tochter vorlesen. Historiker Sven Scharnhorst wird sie geschichtlich einordnen. In den Briefen wird deutlich, dass auch ein Militarist sehr empfindsam sein kann. Hier ein Ausschnitt aus einem Brief vom 21. April 1783 an seine Frau:
„Wenn ich dich mit unsern lieben Kindern eine halbe Stunde nur sehen könnte, dafür gäbe ich alles, was ich nur, ohne daß es Euch abginge, geben könnte! Wie unendlich lieb ich Dich, meine liebe Frau habe, weiß ich erst jetzt, wo mir Dein Traurigsein immer vor Augen ist. Wenn ich nur einmal wieder bei Euch sein könnte, dann wollte ich alles wohl ertragen, dünkt mir. Wenn ich nur jetzt erst wüßte, daß du und die Kinder gesund wären, so könnte ich doch ohne Furcht und ohne fatale Vorstellungen an Euch denken. – Ich bin gesund, ich nehme mich aber in allem Betracht äußerst in Acht, und das werde ich immer tun, so viel es die Ehre leidet.“
Anmerkung der Redaktion: „Bordenau – Unser Dorf liest“ hat im EXPO-Jahr 2000 schonmal Briefe von Scharnhorst gelesen; Titel: „Ich bin nicht zum Soldaten gemacht!“
Kleine literarische Reisekunde in die Schweiz!
Haben Sie den 1.August, den Gründungstag der "Confoederation Helvetica" verpasst? Kein Problem; alljährlich erinnert man sich an den sogenannten Rütli-Schwur. Die Rütliwiese, eine schöne Wiese am Vierwaldstättersee, wird als Schauplatz des Schwurs angesehen. Vertreter der drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden sollen sich dort Anfang des 14.Jahrhunderts getroffen haben, um einen Bund zu schließen.
Während der Frühmoderne spielte er als Gründungslegende der Alten Eidgenossenschaft eine wichtige Rolle und wurde seit dem 19. Jahrhundert als Nationalmythos der Schweiz ausgebaut. Unser Friedrich Schiller - übrigens 1791 vom französischen Nationalkonvent zum Mitbürger erwählt – hat dazu mit seinem „Wilhelm Tell“ das Drama der schweizerischen Befreiung geschrieben.
Am Ende der Versammlung auf dem Rütli sagt der Pfarrer Rösselmann (eine von Schiller eingeführte Figur): «Lasst uns den Eid des neuen Bundes schwören» und spricht die Eidformel vor. Ihr Wortlaut wurde in der Schweizer Nationalromantik fast sprichwörtlich:
„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr.
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
eher den Tod, als in der Knechtschaft leben.
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.“
Allso dann: Gute Reise!
Anmerkung der Redaktion: Der Autor dieses Reiseberichtes spielte 1960 zusammen mit Marius Müller-Westernhagen am Düsseldorfer Schauspielhaus in Schillers Stück mit!
Kreuz-Wort-Rätsel!
Wörtergrund mit sechs Buchstaben? S-T-I-L-L-E
Dampfmaschine – Telegraph - Auf zum Mond im künstlichen Kosmos.
Buchdruck – Computer – Künstliche Intelligenz im Sonnenglanz.
Immer mehr, immer schneller
laufen die Neuigkeiten um die Welt, und reißen dich mit weg.
Die Himmel sind zerbrochen, die Wörter sind vertrieben,
vergeblich suchen wir nach einem Obdach für das gestürzte Haus.
Nur die Stille tritt noch ein: Stille/Still/Stil/Sti/St/S. Pssst!
(Paul Cornelius)
Sansibar – ein Sehnsuchtsort!
„Der Mississippi wäre das Richtige, dachte der Junge, auf dem Mississippi konnte man einfach ein Kanu klauen und wegfahren, wenn es stimmte, was im Huckleberry Finn stand. Auf der Ostsee würde man nicht sehr weit kommen…“
So beginnt der Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ von Alfred Andersch!
Und der Junge sucht weiter nach Gründen, um dieses langweilige Ostseedorf Rerik verlassen zu können: „Man musste Rerik verlassen, erstens, weil in Rerik nichts los war, zweitens, weil Rerik seinen Vater getötet hatte, und drittens, weil es Sansibar gab, Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter der offenen See, Sansibar oder den letzten Grund.“
Dann will er aus der Lektüre der Bücher raus ins wirkliche Leben: „Die Bücher sind prima, aber sie stimmen alle nicht mehr, so, wie es in den Büchern zugeht, so geht es heute nicht mehr zu…“
Als sein Kapitän Knudsen den „Lesenden Klosterschüler“ von Ernst Barlach nach Schweden vor den Nazis in Sicherheit gebracht hat, traut er sich endlich: „Ich bin raus, dachte er…(Doch) erst wenn Knudsen abgefahren ist, … bin ich wirklich frei…“
Wird er zum Boot zurückkehren oder weiter nach Sansibar „sehnsuchten“? Erfahren Sie das spannende Ende bei unserer
Lesung am 3.Oktober in Bordenau!
Für den Jungen suchen wir zurzeit noch einen jugendlichen Lesenden! Bitte meldet Euch bei martin.drebs@gmail.com!
Katzen hören gerne Hundegeschichten!
Dieser Tage ging durch verschiedene Medien, dass Kinder Katzen Geschichten vorlesen. Das tut den Kindern gut, wenn sie laut lesen und merken, es hört jemand zu, und die Katzen scheinen gerne zuzuhören.
Der NDR berichtete: „Das Projekt ist für Tierheim und Kinder kostenlos. Die Betreuerinnen werden vom Landkreis gestellt. Eine Win-Win Situation, von der auch die Katzen profitieren, sagt die Leiterin des Tierheims (von Drakenburg) Megan Foster: "Man merkt, dass die Katzen neugierig werden, selbst die ein bisschen schüchternen Tiere, wenn sie sehen, dass die Kinder da ruhig im Gehege sitzen." Auch Zoe freut sich, dass sie den Katzen etwas zurückgeben kann. "Man zeigt den Katzen, dass sie auch wertgeschätzt werden und nicht allein sind und dass es auch Leute gibt, die nett sind und einem helfen wollen."
Nun ist das eine tolle Sache, wenn kaum mehr Menschen, diese „Tiere in Tüchern“ (Alfred Döblin) zuhören können, und so wird daraus vielleicht auch ein Zukunftsprojekt für unser Lesen wollendes Bordenau: Wir könnten den Rindern auf der Weide Geschichten von Vegetariern vorlesen, unseren Wellensittichen Berichte über die Freiheit am Vogelhimmel, den Hunden werden wir ganz leise vorlesen, dass sie ruhig werden und ausgeglichen, ja und den Katzen kann man eigentlich alles vorlesen: jetzt haben wir beim Tierheim nachgefragt, ob sie am 3.Oktober zu unserer großen Lesung von Alfred Anderschs „Sansibar oder der letzte Grund“ verschiedene Tiere – natürlich in Käfigen – vorbeibringen. Anderseits bräuchten wir dann für diesen Titel auch Tiere aus Afrika, Löwen, Elefanten zum Beispiel. Aber mit welcher Geschichte begeistert man Elefanten?
Pillensortieren mal anders!
Der 81jährige Neustädter Autor Wilfried Benthin, bekannt aus zahlreichen Lesungen im Nicolai-Stift, versucht seine Pillen zu sortieren:
„In meinem Alter ist die Gesundheit nicht mehr die allerbeste, deshalb helfen Medikamente, die Lebensqualität soweit es geht zu erhalten. Nun haben die Pillen aber die Eigenschaft, rund zu sein und gut rollen zu können. So auch vor einigen Tagen: Ich sortierte mein Sortiment für die nächsten Tage, als eine braune Pille das Weite suchte, vom Tisch rollte und auf dem Teppich landete. Sie war so getarnt, dass ich sie nicht finden konnte, also musste ich auf die Knie und suchen. Das ging widererwarten gut. Da sich Licht strahlenförmig verteilt, war es unter dem Tisch nur diffus beleuchtet. Eine kleine Taschenlampe lag außerhalb meines Aktionsbereiches, aber mit Mühe bekam ich sie doch zu fassen. Dabei stieß ich mit dem Kopf gegen die Unterseite der Tischplatte, und das genau an der Stelle, wo sich die Verriegelung für die Erweiterung der Platte befand. Ich tastete nach der Macke und bekam rote Finger. Scheiß Tablette. Auf allen vieren kroch ich suchend weiter und hatte den Ausreißer schließlich gefunden. Nun hieß es aufstehen! An einem Stuhl wollte ich mich wieder hochziehen, doch inzwischen hatte ich einen gehörigen Krampf im linken Bein. Mit dem linken Ellenbogen auf dem Tisch und der rechten Hand an der Stuhllehne wollte ich mich nun aufrichten. Das rechte Bein anwinkeln und nach oben drücken war mein Plan, aber leichter gedacht als getan. Die Schmerzen konnte ich kaum aushalten. Schließlich legte ich mich ausgestreckt auf die Erde, bog den linken Fuß Richtung Oberkörper, bis der Krampf aufhörte, drehte mich auf den Bauch und begab mich in den Vierfußstand. Mit Festhalten an der Tischplatte und der Unterstützung meiner Frau, konnte ich endlich ganz locker aufstehen.
Und die Moral von der Geschichte? Wenn ich wieder meine Pillen in die Vorratsbox sortieren muss, dann setze ich mich gleich auf die Erde.“
Sonne satt poetisch!
„Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Ihr Anblick gibt den Engeln Stärke,
Wenn keiner sie ergründen mag;
Die unbegreiflich hohen Werke
Sind herrlich wie am ersten Tag.“
(Goethe)
„Wie von des Meisters Hand entfesselt Erz
Goss sich die Kraft der Sonne auf uns nieder,
Sie stürzte rot durch unser schlagend Herz
Und wuchs wie goldne Haut um unsre Glieder.“
(Ricarda Huch)
„Meine Lippen glühn
Und meine Arme breiten sich aus wie Flammen!
Du musst mit mir nach Granada ziehnv
In die Sonne, aus der meine Gluten stammen...“
(Else Lasker-Schüler)
Urlaubsvergnügen der anderen Art!
In unserer satirischen Reihe gibt Komiker Harry Lewandowski diesmal außergewöhnliche Urlaubstipps:
„Willkommen an Ost- und Nordsee! Doch Sandburgen und Muschelgraben sind vorbei. Spüren Sie mit allen Sinnen, wie sich unsere Meere aufheizen und messen Sie, wie weit die Wellen diesmal an den vom Wintersturm erweiterten Strand laufen. Beobachten Sie im Fernglas Russlands Schattenflotte und melden das dem hiesigen Heimatschutz. Falls die Kinder kurze Glasfaserstücke finden, nicht gleich zum Schrotthändler, es könnten Teile von Unterwasserleitungen sein. Und dann sind da noch die alten Fässer aus den letzten Kriegen; Vorsicht also, wenn es ungewöhnlich Magentafarben schäumt.
Gibt es denn keine Alternativen in Spanien oder anderswo? In Spanien brennen häufiger die Wälder und vom Weltkulturerbe Teheran sollten Sie im Moment Abstand halten. Demnächst gibt es aber wieder Luxusappartments in Palästina.
Also schönen Urlaub zusammen, Ihr Harry Lewandowski!
Wie alt sind eigentlich Worte?
Ricarda Huch weiß Rat:
„Uralter Worte kundig kommt die Nacht;
Sie löst den Dingen Rüstung ab und Bande,
Sie wechselt die Gestalten und Gewande
Und hüllt den Streit in gleiche braune Tracht.
Da rührt das steinerne Gebirg sich sacht
Und schwillt wie Meer hinüber in die Lande.
Der Abgrund kriecht verlangend bis zum Rande
Und trinkt der Sterne hingebeugte Pracht.
Ich halte dich und bin von dir umschlossen,
Erschöpfte Wandrer wiederum zu Haus;
So fühl ich dich in Fleisch und Blut gegossen,
Von deinem Leib und Leben meins umkleidet.
Die Seele ruht von langer Sehnsucht aus,
Die eins vom andern nicht mehr unterscheidet.“
Sansibar oder der letzte Grund!
Fast sprichwörtlich wurde dieser Titel des
1957 erschienenen Romans von Alfred Andersch: Im Herbst 1937 treffen sich
der kommunistische Funktionär Gregor mit einem Auftrag zu illegaler
politischer Arbeit und die Jüdin Judith, aufgrund der Nürnberger
Rassengesetze auf der Flucht, in der kleinen Ostsee-Hafenstadt Rerik. Hier
verbindet sich ihr Schicksal mit dem des Fischers Knudsen und dessen
Schiffsjungen – der nach Sansibar abhauen will - sowie dem Schicksal des
Pfarrers Helander. Der Geistliche möchte die von den Nationalsozialisten als
„entartete Kunst“ kategorisierte und daher bedrohte Holzskulptur „Lesender
Klosterschüler“ von Ernst Barlach retten, und Knudsen soll die Figur nach
Schweden bringen. Dieser „Lesende Klosterschüler“ ist so etwas wie ein
Bruder im Geiste für unser lesendes Dorf Bordenau. Bertolt Brecht schrieb
über ein ähnliches Werk Barlachs, den „Buchleser“: „Ein sitzender Mann,
vorgebeugt, in schweren Händen ein Buch haltend. Er liest neugierig,
zuversichtlich, kritisch. Er sucht deutlich Lösungen dringender Probleme im
Buch. Goebbels hätte ihn wohl eine ‚Intelligenzbestie‘ genannt. Der
Buchleser gefällt mir besser als Rodins berühmter ‚Denker‘, der nur die
Schwierigkeit des Denkens zeigt. Barlachs Plastik ist realistischer,
konkreter, unsymbolisch.“ (B. Brecht, Gesammelte Werke, Band 19, Frankfurt
1967, S. 514.) Wir werden den Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ gekürzt
am Freitag dem 3.Oktober , ab 15.00 Uhr im DGH Bordenau lesen. Bitte kommen
Sie und hören Sie den Lesenden zu!
An eine Rose!
„Ewig trägt im Mutterschoße
Süße Königin der Flur,
Dich und mich die stille, große,
Allbelebende Natur;
Röschen, unser Schmuck veraltet,
Stürm' entblättern dich und mich,
Doch der ewge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich!“
(Friedrich Hölderlin, 1770 bis 1843)
Guten Morgen, hochverehrte Leserschaft!
In unserer Reihe „Lebenshilfen“ üben wir heute das freudige Begrüßen des Tages: Beginne jeden Morgen mit einem guten Gedanken! Und dann wird gesungen:
„Guten Morgen, Sonnenschein/ Diese Nacht blieb dir verborgen
Doch du darfst nicht traurig sein/ Guten Morgen, Sonnenschein
Nein, du darfst nicht traurig sein/ Guten Morgen, Sonnenschein
Weck mich auf und komm herein.“ So beginnt ein Lied von Nana Mouskouri aus dem Jahre 1977.
„Guten Morgen, Sonnenschein“ ist eines von insgesamt drei mit dem Royal Philharmonic Orchestra London Ende 2024 neu eingespielten Liedern in deutscher Sprache – die anderen beiden sind „Weiße Rosen in Athen“ und „Ave Maria“ aus dem Liederbuch von Franz Schubert.
Kennen Sie das Buch überhaupt?
Das Team der Bücherbude Bordenau um Andrea Korte lädt interessierte Mitbürger wieder dazu ein, in der
Dorfwerkstatt am Birkenweg eigene Lieblingsbücher vorzustellen, und zwar am Dienstag, 20. Mai ab 19:00 Uhr. Ja haben die denn die Bücher alle wirklich gelesen? Ist gar nicht nötig, denn es gibt als Trick ein Buch von Pierre Bayard: „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Sie haben neulich Rilke zitiert, ohne sein Werk zu kennen, haben über den neuen Nobelpreisträger geplaudert, obwohl Sie sich nicht mal an den Buchtitel erinnern konnten? Kein Problem: Der versierte Nichtleser unterscheidet vier Haupttypen: unbekannte Bücher, Bücher, die man quergelesen hat, Bücher, die man nur vom Hörensagen kennt, und solche, deren Inhalt wir schon wieder vergessen haben - über alle lässt sich hervorragend reden. Dass Bayard seine Einladung zum unverfrorenen Umgang mit Büchern mit einer Fülle literarischer Beispiele untermauert, versteht sich von selbst: von Musils Bibliothekar, der kein Buch durch Lektüre bevorzugen will und deshalb gar nicht liest, bis zu Ecos scharfsinnigen William von Baskerville, das ist der aus „Name der Rose“.
Jetzt kommen Sie bitte in die Dorfwerkstatt und versuchen rauszufinden, ob die vorgeblich Gelesen-Haben Wollenden ihre Lieblingsbücher auch wirklich gelesen haben. Oder Sie bringen Ihr „Lieblingsbuch“ mit und stellen es vor. Oder reden über ihre zukünftige Lektüre! Oder lehnen sich zurück und genießen.
Bordenau oder Kortenau?
Sie liest einfach weiter, die Preisträgerin des Förderpreises der Stiftung Bordenau 2025
Johanna Korte, und zwar am kommenden Montag, dem 12. Mai, ab 14.45 Uhr in der Dorfwerkstatt Bordenau, Birkenweg 3a. Diesmal geht es um die sanften Riesen der afrikanischen Savanne, die gutmütigen Elefanten. Korte berichtet in wunderschönen Geschichten über ihre Reisen durch Afrika. Elefanten in der Literatur sind gar nicht so selten. Schon im vorigen Jahrhundert dichtete Rainer Maria Rilke über das Karussell im Jardin du Luxembourg:
„Mit einem Dach und seinem Schatten dreht/ sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land, /das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt, /doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen und dann und wann ein weißer Elefant.“
Aber sind denn Elefanten nicht eigentlich immer grau? Mitnichten, denn auch Bordenau wird nur in der Phantasie umbenannt. Doch Johanna bringt noch eine besondere Geschichte vom weißen Knochen mit!
Für das Gute und die Schöne!
Den Förderpreis 2025 der Stiftung Bordenau für ihre gemeinschaftsfördernden Aktivitäten erhielt in der vorigen Woche
Johanna Korte. Und Johanna Korte hat auch im großen FAUST-Projekt im Jahre 2000 die „Schöne“ gelesen - mit über 70 Mitwirkenden zusammen über 15 Stunden Goethes FAUST eins und zwei an einem Tag - auf der EXPO 2000 liefen die Teile immer getrennt samstags und sonntags! Auch darüber berichtete unsere Neustädter Zeitung an dieser Stelle. Wir zitieren den Teil mit Johanna Korte. Dabei tanzt Faust selbst in der Walpurgisnacht mit der jungen Schönen:
„Einst hatt´ ich einen schönen Traum
Da sah ich einen Apfelbaum,
zwei schöne Äpfel glänzten dran,
Sie reizten mich, ich stieg hinan.
Und die ausgewählt Schöne (Johanna) antwortete:
„Der Äpfelchen begehrt ihr sehr,
Und schon vom Paradiese her,
Von Freuden fühl ich mich bewegt,
Dass auch mein Garten solche trägt!“
Welt-Tage!
Wer legt eigentlich diese komischen Welttage fest? Tag des Regenschirmes, der rechtsdrehenden Schraube, der Fake-News oder auch Welttag des Buches? Letzterer war übrigens diese Woche! Haben Sie wieder nicht mitbekommen? Macht nichts - Bücher werden sowieso übersehen. Von wegen – Lesen, was gesund macht. Oder Bücher für die Kleinen womöglich, um sie zum Denken und zur Phantasie anzuregen. Bloß nicht, es könnten ja mündige Staatsbürger werden. Handy reicht doch, kann man so schön laut im Bus telefonieren. Und es gibt doch wohl mehr Leute, die durchs Lesen verrückt geworden sind, oder? Bücher, zumindest Romane, werden doch überschätzt: man könne andere Kulturen kennenlernen, sich in fremde Persönlichkeiten einfühlen und in der Distanz zur eigenen Lage Toleranz und Mitgefühl entwickeln. Gott behüte! Nein, nein, das Buch soll bleiben, was seine wahre Bestimmung ist: Fliegen kann man damit totschlagen oder wacklige Tische unterfüttern. Oder höchstens noch als Einschlafhilfe, dann aber auch nur geliehen. Der Rest kann als Papiermasse zum Recyclinghof. Und was ist der nächste Welttag? Am 30.4. zum Beispiel: Tag der gewaltfreien Erziehung. Na denn : Handys im Buchformat und immer feste drauf!
Was ist ein „Schlüssellein“?
Die Künstliche Intelligenz (KI) ist auf dem Vormarsch. Doch wird sie auch die Poesie ersetzen können? Wenn man bei der Suchmaschine die Bitte um ein Liebesgedicht eingibt, kommt:
„Du bist mein, ich bin dein.
Dessen sollst du gewiss sein.
Du bist eingeschlossen
in meinem Herzen,
verloren ist das Schlüssellein:
Du musst für immer drinnen sein.“
Doch statt des „Schlüssellein“ ersetzt die KI:
32 Buchstaben umfassende Codierung mit Sonderzeichen zur Verschlüsselung sicherheitsrelevanter Bereiche, meist mit Sonderzeichen.
Also bleibt uns die Poesie vielleicht doch erhalten als der letzte Ort mitmenschlicher Sprache.
Und da wollen wir die Künstliche Intelligenz heute erst gar nicht fragen, was sie von Ostern hält. Das überlassen wir den Gläubigen. Frohe Ostern allenthalben!
Nicht winkend, sondern ertrinkend!
Wie oft nehmen wir die Hilferufe unserer Mitmenschen nicht richtig wahr.
Das berühmte Gedicht des britischen Dichters Stevie Smith „Not Waving but Drowning“ handelt von einem ertrinkenen Mann, dessen entfernte Bewegungen im Wasser mit Winken verwechselt werden. Dörte Hansen stellt das Gedicht ihrem Roman „Zur See“ voran und bezeichnet damit einen ihrer Protagonisten, der am Ende des Buches so stirbt. Versuchen wir doch, Signale besser zu deuten! Die deutsche Übertragung stammt von
Martin Drebs:
Nicht winkend, sondern ertrinkend
Niemand hörte ihn, den Toten,
Aber noch immer lag er da und stöhnte:
Ich war viel weiter draußen, als du dachtest
Doch nicht winkend, sondern am Ertrinken.
Armer Kerl, er liebte es immer herumzualbern
Und jetzt ist er tot
Es muss zu kalt für ihn gewesen sein, sein Herz gab nach,
sagten sie. Oh, nein nein nein, es war immer zu kalt
Ich war mein ganzes Leben lang viel zu weit draußen
Doch habe ich nicht gewunken, sondern bin ertrunken.
LICHTBOTE!
In ihrer typischen Großschreibweise hat uns die Kleinheidorner Poetin Barbara Weißköppel wieder ein schönes Gedicht geschickt:
DURCH BLATTLOSER ZWEIGE GESPINST
SCHWEBT EIN ZITRONENFALTER.
VON WARMER SONNE GEWECKT,
SCHREIBT ER GOLDENE
ZEICHEN AUF DUNKLE BLÄTTER,
SCHAUKELT, LEUCHTET
WIRD WIEDER UNSICHTBAR, DAS
WESEN VERSCHWINDET.
ES WAR EIN LICHTBLICK.
Alle Jahre wieder!
Am Sonntag, 30. März 2025, wird die Zeit wieder auf die Sommerzeit umgestellt. Damit endet gleichzeitig die Winterzeit. Die Zeit wird nachts um Zwei Uhr um eine Stunde auf Drei Uhr vorgestellt. Das bedeutet, dass die Nacht eine Stunde kürzer ist und wir eine Stunde weniger schlafen können. Und es bleibt morgens erstmal länger dunkel und abends länger hell.
Schon seit der Einführung der Sommerzeit im Jahre 1980 wird über den Sinn und Unsinn dieser Maßnahme gestritten. Energie sparen lässt sich durch die Zeitumstellung jedenfalls nicht. Laut Bundesumweltamt spart man während der Sommerzeit zwar abends elektrisches Licht, gleichzeitig wird morgens aber mehr geheizt, besonders in den kalten Monaten (März, April und Oktober). Insgesamt steigt der Energieverbrauch dadurch sogar an.
Was also tun? Man könnte versuchen, morgens länger im Bett zu bleiben. Dafür müsste aber die Arbeit und auch die Schule eine Stunde später beginnen. Studien haben schon belegt, dass ein späterer Schulstart das Lernen begünstigt, weil viele Schüler morgens noch sehr müde sind.
Dann wäre es doch gleich besser, wenn die Lehrer in der ersten Stunde nur etwas Unwichtiges unterrichten. Was könnte das anders sein als Zitate aus dem „Handbuch des unnützen Wissens“ von Hanswilhelm Haefs? Beispiele gefällig?
Heute ist der erst Tag Ihres Lebens! Oder: wieviel Liter passen in einen Elefantenrüssel? Oder: die Sommerzeit hat begonnen!
Sansibar oder der letzte Grund!
Vor dem Zweiten Weltkrieg an der Ostsee.
Eine Handvoll Menschen trifft hier aufeinander und bildet eine
Schicksalsgemeinschaft: der Kommunist Gregor, die verfolgte Jüdin Judith,
der Fischer Knudsen, dessen Schiffsjunge und der evangelische Kirchenmann
Helander. Pastor Helander will die Barlach-Skulptur des Lesenden
Klosterschülers vor den Nazi-Zensoren in Sicherheit bringen. Doch dazu
benötigt er Hilfe, und die Transaktion könnte vielleicht auch die Rettung
für alle bedeuten … So eine kurze Inhaltsskizze des 1957 erschienenen Romans
von Alfred Andersch, der bis 1980 in der Schweiz gelebt hat:
„Sansibar oder
der letzte Grund!“ – so der Titel. Titelgebend ist die Suche des
Schiffsjungen, der nach Gründen sucht, um aus dem langweiligen Kaff Rerik
wegzukommen. Die Teilnehmer von „Bordenau - Unser Dorf liest“ haben sich
jetzt entschieden, diesen Roman am 3.Oktober 2025 einem interessierten
Publikum vorzulesen, teils klassisch , teils als intensive Szenische
Dialoge. Für Alfred Andersch geht es in dem Roman um die individuelle
Freiheit des Handelns. Und wir sind überrascht, wie aktuell der Roman
angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen ist. 1987 erschien eine
kongeniale Verfilmung von Bernhard Wicki, und das Buch hat es sogar zur
Schullektüre gebracht. Interessierte Schulklassen sowie Fachleiter Deutsch
sind herzlich eingeladen. Und Andreas Hagemann wird wieder die musikalische
Gestaltung entwickeln, die sowohl den Zeitgeist als auch seine Aktualität
hörbar machen könnte.
Am Morgen und am Abend vorgelesen!
Wir Bordenauer lesen gerne, lesen auch gerne vor und lassen uns gerne vorlesen! Nicht nur in Echt, sondern auch im Radio. Und da gibt es seit 1973 im NDR Vorlese-Formate, zum Beispiel: Am Morgen und am Abend vorgelesen!
Eingerichtet wurden diese von dem leitenden Kulturredakteur
Hanjo Kesting, der „Stimme der Literatur“. Jetzt ist er im Februar im Alter von 82 Jahren in Hamburg gestorben. Wir Bordenauer verneigen uns vor dem großen kulturvermittelnden Geist.
Wir können hier nicht sein gesamtes Leben und Wirken darstellen. So hat er im letzten Jahrzehnt nicht nur über 700 Literaturvorträge gehalten, sondern auch Werke über Thomas Mann veröffentlicht sowie eine Sammlung von Romanen der Weltliteratur. Und es geht ja weiter: so lief in dieser Woche „Am Morgen vorgelesen“ denn auch mit Gert Westphal die Erzählung von Thomas Mann „Mario und der Zauberer“ von 1930; Vorleser und Dichter hat Hanjo Kesting sehr gefördert. In der Erzählung geht es um Verführungstechniken seiner Zeit! Und die Parallelen zu heute sind hochaktuell! Auch wir haben mit „Bordenau liest“ 2014 von Thomas Mann die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ gelesen. Darüber hätte sich Hanjo Kesting wohl sehr gefreut! Dank und Respekt für seine Lebensleistung!
Zauber der Stille!?
Florian Illies ist nicht nur ein großartiger Kulturhistoriker, der mit seinem Werk „Generation Golf“ hohe, heitere Standards setzte, sondern auch ein in Bordenau gern gehörter Autor. So haben wir mit „Bordenau liest“ sein Kaleidoskop zum 1. Weltkrieg „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“ vorgelesen und letztlich noch „Liebe in den Zeiten des Hasses“ ausschnittweise gebracht.
Jetzt wendet sich die Pastorin Alida Griese seinem aktuellsten Buch mit theologiegeschichtlichen Aspekten zu: Florian Illies beschreibt in seinem Roman „Zauber der Stille“ das Leben und Wirken von Maler Caspar David Friedrich (1774-1840). Friedrich ist ein Zeitgenosse des Theologen Schleiermachers (1768-1834), der mit seinem Glaubensverständnis die althergebrachten kirchlichen Lehrsätze durch eine Art Erfahrungstheologie erneuern wollte. Der Roman sowie die Frage, wie Friedrich und sein Werk durch die Theologie Schleiermachers beeinflusst wurden, ist Thema eines literatur-theologischen Nachmittages am 28. März 2025 von 16-18 Uhr im Gemeindehaus Bordenau. Alle Mitbürger, auch die Atheisten, sind eingeladen. Um Anmeldung wird gebeten bis zum 17. März unter alida.weinert@evlka.de. Alida Griese meint dazu: „Ich hatte einfach nur Lust, über das Buch und Schleiermacher zu reden, mehr habe ich mir da nicht bei gedacht.“ Jedoch gut vorbereitet hat sie den Nachmittag schon: Wir beginnen mit einer Bildbetrachtung – welches sei hier noch nicht verraten -, und hören uns auch an, was Illies dazu zu sagen hat. Dann kommen wir ins Gespräch. Herzliche Einladung bei freiem Eintritt!
Was lesen Sie denn so?
Studien haben ergeben, dass der Trend zum Zweitbuch anhält. Manche
Zeitgenossen lesen sehr viel und halten deshalb das statistische Mittel hoch.
Viele finden auch ein Lieblingsbuch, was sie immer wieder gerne lesen möchten.
Dazu veranstaltet das Bücherbudenteam in der
Dorfwerkstatt Bordenau im Birkenweg 3a am nächsten Donnerstag, dem 6.
März, einen interessanten Gesprächskreis. Eingeladen sind alle Mitbürger: Es
werden Lieblingsbücher präsentiert, eigene Bücher können vorgestellt werden oder
man hört einfach nur zu, was so die anderen lesen. Also keine Angst, der Raum
ist niederschwellig gemütlich und geheizt, wenn es dann ab 19:00 Uhr für etwa
zwei Stunden losgeht - bei freiem Eintritt! Wer immer noch ein bisschen
fröstelt, bekommt sogar einen leckeren Tee; frei nach Kafka: Jedes Buch sei wie
eine Axt für das gefrorene Meer in uns. Anmeldung bitte bei Andrea Korte.
Bitte kommt zuhauf; denn wir lesen eben auch, was gesund macht. Dazu können
Sie sich in der Holunder-Apotheke zu den Öffnungszeiten auch ein Buch
umsonst ausleihen; denn hier haben wir unsere einzigartige Bücherbude
Bordenau!
Lasst uns Monopoly spielen!
Papa, warum müssen wir denn wieder spielen?
Weil der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er zwischen Freiheit und Notwendigkeit spielen kann.
Ach du mit deinem Schiller!
Nu, würfele schon! Ha, Poststraße, Postfiliale ist dicht. Auf zur Schlossstraße!
Die hat die Bundeswehr beschlagnahmt.
Da ist doch noch das Gefängnis? – Alles leer, die sind mit Koffer weg!
Und die Goethestraße? Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen als ein Gläschen Wein, wenn hinten weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen.
Dann kaufen wir die Münchhausenstraße! – Geht nicht, wir müssten die Eingeborenen alle umsiedeln.
Dann noch die Lessingstraße? Pustekuchen, Nathan schweigt.
Und die Bahnhöfe? Alle besetzt von Mobilitätsverweigerern.
Wenigstens haben sie mühsam für zwanzig Pfennig eine Bahnsteigkarte gelöst.
Jetzt aber schnell über Los und ziehe die Pumpenprämie von 4000 Euro ein.
Papa, ich bin es leid! Wir wollten doch nur spielen.
Dann beim nächsten Mal aber die Siedler von Katan, da sind auch Seeschlachten dabei!
Habt Ihr es durch den Schneefall hindurch gehört?
„Es saß ein klein wild Vögelein
auf einem grünen Ästchen;
es sang die ganze Winternacht,
sein Stimm´ tät laut erklingen.
O sing mir noch, o sing mir noch,
du kleines wildes Vöglein!
Ich will um deine Federchen
dir Gold und Seide winden.
Behalt dein Gold und deine Seid,
ich will dir nimmer singen;
ich bin ein klein wild Vögelein,
und niemand kann mich zwingen.
Geh du herauf aus diesem Tal,
der Reif wird dich auch drücken.
Drückt mich der Reif, der Reif so kalt,
Frau Sonn wird mich erquicken.“
Wie wird die Zukunft?
Zukunftsforscher
Heinrich Heine meint gar: „Die Zukunft riecht nach Juchten, nach Blut, nach Gottlosigkeit und nach sehr vielen Prügeln. Ich rate unseren Enkeln, mit einer sehr dicken Rückenhaut zur Welt zu kommen.“
Während Experte
Joachim Ringelnatz eher eine „Schwebende Zukunft“ vorschwebt:
„Habt ihr einen Kummer in der Brust
Anfang August,
Seht euch einmal bewusst
An, was wir als Kinder übersahn.
Da schickt der Löwenzahn
Seinen Samen fort in die Luft.
Der ist so leicht wie Duft
Und sinnreich rund umgeben
Von Faserstrahlen, zart wie Spinneweben.
Und er reist hoch über euer Dach,
Von Winden, schon vom Hauch gepustet.
Wenn einer von euch hustet,
Wirkt das auf ihn wie Krach,
Und er entweicht.
Luftglücklich leicht.
Wird sich sanft wo in Erde betten.
Und im Nächstjahr stehn
Dort die fetten, goldigen Rosetten,
Kuhblumen, die wir als Kind übersehn.
Zartheit und Freimut lenken
Wieder später deren Samen Fahrt.
Flöge doch unser aller Zukunftsdenken
So frei aus und so zart.“
Noch ´ne Tierfabel – diesmal nicht von Äsop!
In einem gar nicht fernen Land biss ein Hund ein Schafsjunges. Das empörte die anderen Tiere, und so wurde dieser Hund eingeschläfert und alle Hunde gleichen Typs des Landes verwiesen.
Dunkel und leer waren die Straßen und kalt und grau, und bald strichen Wölfe ums Gehöft.
Da überlegten sich die Tiere: Das gehe so nicht; viele Hunde seien gar nicht so bissig. Die meisten seien auch zur Hundeschule gegangen und leisteten wichtige Aufgaben.
Da hatte der Rat der Tiere ein Einsehen und ließ die Hunde wieder ins Land und richtete Traumazentren ein, in denen besonders wilde Hunde nochmals domestiziert wurden.
Müssen wir uns schon wieder in die Fabeln flüchten?
Der Frosch erblickte eines Tages einen Ochsen, der eben über eine Wiese ging. Der Frosch war überzeugt, dass er wohl eben so groß werden könnte wie dieses Tier. Er wandte also alle Mühe an, die faltige Haut seines Körpers aufzublähen und fragte seine Gefährten, ob seine Gestalt anfing, jener des Ochsen ähnlich zu werden. Sie antworteten mit — nein. Er strengte also neue Kräfte an, um sich aufzublasen und fragte die Frösche noch einmal, ob er nun bald der Größe des Ochsen gleich wäre. Sie gaben ihm die vorige Antwort. Das schreckte den Frosch nicht ab. Allein die Gewalt, die er anwandte, um sich aufzublähen, machte, dass er auf der Stelle zerplatzte.
Es geht um die Zukunft!
Marie-Luise Kaschnitz
(1901-1974) hat auch noch was
fürs neue Jahr geschrieben:
„Endlich sagt euch los vom Grauen;
zwar in Asche
sinkt die Welt.
Doch Geschlechter werden bauen,
was vor unserm Blick
zerfällt.
Ehe noch des Unheils Ende
und ein neuer Stern erschien,
muss im
Herzen sich die Wende,
muss ein Wille sich vollziehn.
Nur Geglaubtes lässt
sich finden,
nur Gewissheit wird den Stein
heilger Kräfte neu entbinden.
Stund´ um Stunde sind verkettet:
ehe uns die Zukunft rettet,
müssen wir die
Zukunft sein.“
Überbrückte Wasser!
Eine Fotoausstellung von Andreas Warlich aus Garbsen beginnt am morgigen Sonntag, dem 12. Januar 2025 ab 11.00 Uhr im „Cafe im Ackerbürgerhaus“ in Neustadt. Unser Neustädter Zeitungskolumnist Martin Drebs führt mit eigenen und anderen Texten durch die multimediale Performance, denn die Fotos der Ausstellung „Faszination Wasser“ werden auf Großleinwand projiziert und in ein stetes mitreißendes Meeresrauschen getaucht. Ein Wasserlauf ist dabei überbrückt und dazu auch unser Text „Augenblicksbrücke“ – leicht berlinerisch zu lesen:
„Auf ihrem Weg zum Lebensglücke
Trafen sich zwei Augenblicke
Der eine wollt nach Innen sehn,
Der andere bloß mal gieken gehen
Nu´ stehen se beede uf de Brücke
Und wissen nicht vor und nicht zurücke.“
Schauen Sie mal rein: Der Eintritt ist frei. Und als Bonus gibt es ein neues Musikstück der Gruppe „Colored Points“ passend zur Ausstellung mit einem Text von Lizzy Basler-Klok.
Und Stiefel nicht vergessen!
Na denn: Auf ein Neues oder neue Gleise braucht das Land!"
Ehrlich gesagt, wir wissen nicht mehr, was wir als ermutigenden Neujahrsgruß noch schreiben können. Die Zeiten sind ernst, sollte da die Kunst nur heiter sein? Sollten wir stoisch Mut machen, leicht pastoral gefärbt? Oder bitterbös die Menschheit als Fehlversuch beklagen? Oder die Schönheit der Natur besingen? Wir versuchen es einfach mit ein paar geschickten Ausreden als Entschuldigungen für Gründe zur Passivität oder Misslingen. Da finden wir einiges bei der Deutschen Bahn (DB), die haben doch für alles eine Erklärung, zum Teil sehr zügig. Wenn wir zum Beispiel die Entwicklung der Menschheit beklagen wollen, wählen wir: „Der Zug kann wegen Überfüllung nicht weiterfahren; wir bitten einen Teil der Fahrgäste auszusteigen.“ Und? Nichts bewegt sich, wie im richtigen Leben auch: die Welt ist überfüllt, keiner geht freiwillig. Oder gleich: „Wegen hoher Auslastung ist ein Zustieg nicht mehr möglich. Grund ist ein ausgefallener Zugteil.“ Oder wir suchen eine kritische Bemerkung zum Klimawandel, antwortet die DB mit: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht!“ Dabei kommt es auch zu Zugausfällen wegen Umweltschäden. Oder wir wollen die Langsamkeit von Reformen beklagen: „Die Züge fahren in dem betroffenen Streckenabschnitt langsamer. In der Folge kann es noch vereinzelt zu Verspätungen kommen.“ Oder: Wir kommen nicht vom Fleck: „Der Zug fällt aus. Grund. Verspätet eingetroffenes oder erkranktes Personal“. Nichts gegen die Kolleginnen und Kollegen, die da erkranken. Einen hohen Krankenstand haben wir in allen Branchen, auch die psychologischen Symptome schwellen an, besonders nach Angriffen aufs Zugpersonal. Aber wenn gleich die ganze Mobilität bedroht ist: „Erneuerung der Aufzugsanlage. Betroffen hiervon sind mobilitätseingeschränkte Personen.“
Jetzt wissen wir´s. „Zur Stabilisierung des Zugverkehrs kommt es zu einem reduzierten Fahrplan.“ Ahja, da können wir gleich einpacken, oder? „Bitte beachten Sie, dass das Enddatum der Meldung aus technischen Gründen nicht mit dem Ende des Fahrplanjahres übereinstimmt.“ Also, wenn die Welt zu Ende gehen sollte, kann es sein, dass wir es nicht mitbekommen!
Wenigstens haben wir ein bisschen Englisch gelernt: Thank you for travelling with Deutsche Bahn – Und ein frohes neues Jahr with the New City Newspaper und Our village reads!
Anmerkung der Redaktion: Alle Zitate von Erklärungen der DB wurde gründlich recherchiert. Sollte es dennoch zu Unklarheiten kommen, kontaktieren Sie bitte die Beschwerdestelle!